Interview Gemeinde Enschede (Klicken Sie hier für den Link zur Website) mit dem Inhaber von PhysioTape, Gert-Jan Olthoff
WIE TWENTER UNTERNEHMER GESCHÄFTE MIT DEM AUSLAND MACHEN
PhysioTape beliefert derzeit über fünfzig Länder. Gert-Jan Olthoff: „Anfangs dachte ich auch: das kann doch nicht möglich sein?“
Das farbenfrohe Tape, mit dem Physiotherapeuten häufig Verletzungen behandeln, kam Ende der 1990er Jahre aus Asien nach Europa – über Enschede, um genau zu sein. Dort befindet sich der Hauptsitz von FysioTape, dem Unternehmen, mit dem der Unternehmer Gert-Jan Olthoff über 50 Länder beliefert. „Es ist nicht so, dass wir dachten: lasst uns Österreich oder Italien erobern. Sie sind alle zu uns gekommen.”

Vom Glück zum Erfolg.
Dass Gert-Jan Olthoff von Enschede aus schon seit Jahren erfolgreich in ganz Europa tätig ist, ist eigentlich ein reiner Zufall. Sein Schwager, der ehemalige Profifußballer Alfred Nijhuis, spielte Ende der 1990er Jahre für einen japanischen Verein, wo ihn Physiotherapeuten bei Verletzungen mit elastischem Kinesiologie-Tape behandelten. In Asien war diese Behandlungsmethode bei zahlreichen Beschwerden wie Tennisarm, Rückenschmerzen und Knieverletzungen bereits weit verbreitet, aber in den Niederlanden hatte noch niemand davon gehört. Eine Marktlücke, dachte Olthoff, der damals noch bei einem Hersteller von Fotokopierern arbeitete. Er träumte schon seit Jahren von einem eigenen Unternehmen.
Zusammen mit Nijhuis gründete er 1998 FysioTape mit dem Ziel, die asiatische Behandlungsmethode in Europa einzuführen. Begonnen wurde in einer kleinen Dachkammer. Nach zwei Jahren zogen sie in eine Turnhalle im Zentrum von Enschede, wo sie ihre ersten Geschäftsräume mieteten. Ein paar Physiotherapeuten, die von Anfang an von dem Tape begeistert waren, beschlossen, Kollegen in den Niederlanden, Deutschland und Belgien in der Anwendung zu unterrichten. Durch diese Kurse wuchs das Interesse exponentiell, ebenso wie der Verkauf des Tapes.
Sprung ins kalte Wasser
Olthoff, der kein Physiotherapeut ist, hatte keine Ahnung, wie das Tape funktioniert. Er wusste nur, dass es funktioniert. „Anfangs dachte ich: das kann doch nicht möglich sein. Das glaube ich eigentlich immer noch. Ich höre Geschichten, die ich kaum glauben kann. Und die haben nichts mehr mit Physiotherapie zu tun. Frauen, die jahrelang unter extremen Menstruationsschmerzen leiden und sich das Tape auf Bauch und Rücken kleben oder Heuschnupfengeplagte, die sich das Tape auf die Schulterblätter kleben – und die Beschwerden sind weg! Ich kann kaum abstreiten, was die Leute mir erzählen, und zwar massenweise.”
Kritik und Lob
Die Wirkung von medizinischen Tapes ist wissenschaftlich noch immer nicht erwiesen. Anfangs wurde Olthoff deshalb heftig kritisiert. „Wir wurden vor allem ausgelacht. Aber ich habe auch eine Art Drohbrief erhalten. Ein Physiotherapeut der niederländischen Volleyballmannschaft hatte mich in einem handgeschriebenen Brief gefragt, wie ich nur so einen Humbug verbreiten könne. Das war gar nicht lustig. Aber schauen Sie sich heute die Volleyballmannschaft an – die Spieler sind mit Tapes bedeckt“, sagt Olthoff.
Internationaler Erfolg
FysioTape beliefert derzeit über 50 Länder in Europa, Nord- und Südamerika und Australien. Den niederländischen, deutschen und belgischen Markt bedient das Unternehmen von seinem Hauptsitz in Enschede aus. In Kürze wird eine zweite Zweigstelle in Spanien eröffnet. In allen anderen Ländern arbeitet Olthoff mit Händlern zusammen, die sich selbst um den Verkauf und die Organisation der Kurse kümmern.
Wie ist das Unternehmen auf internationaler Ebene so gut angekommen? Olthoff kann keinen Masterplan vorlegen, weil es nie einen gab. Ein Schlüsselmoment war seiner Meinung nach eine erfolgreiche „Präsenz“ auf Europas größter Medizinmesse in Düsseldorf im Jahr 2000. Er hatte einen kleinen Stand gemietet, an dem zwei Dozenten live demonstrierten, wie man das Tape anbringt. „Die Interessenten standen in sechs Reihen vor dem Stand. Alle hatten verschiedene Nationalitäten. Wir hatten also eine enorme Nachfrage. Es ist also nicht so, dass wir dachten: lasst uns Österreich oder Italien erobern. Sie sind alle zu uns gekomen. Wir haben einfach unser Produkt gezeigt.”
Immer noch führend
Inzwischen hat er viel mehr Konkurrenz, da alle möglichen Anbieter in Europa das „Wundertape“ verkaufen. Aber weil Olthoff der Erste war, hat er immer noch die Nase vorn, vor allem in den Niederlanden, in Deutschland, Belgien und Spanien. Denn die meisten Physiotherapeuten, die den Umgang mit dem Tape von FysioTape gelernt haben, bleiben der Marke treu. „Hinzu kommt, dass wir in einer Fabrik in Südkorea einfach die besten kinesiologischen Tapes herstellen. Wir erfüllen alle neuen europäischen medizinischen Richtlinien, was für Krankenhäuser, Rehabilitationszentren und Physiotherapiepraxen sehr wichtig ist“, sagt Olthoff.
Mit beiden Füßen auf dem Boden von Twente
Aber Olthoff bleibt seiner Heimat treu. Von Enschede aus kann er seinen internationalen Kundenstamm perfekt bedienen. Die Tatsache, dass die Stadt in der Grenzregion liegt, bietet einen zusätzlichen Vorteil. „Dadurch ist es für uns einfacher, deutsche Interessenten zu gewinnen. Immerhin sprechen wir die Sprache gut und befinden uns in der Nähe. Früher habe ich die Pakete am Ende des Tages sogar zur Post nach Deutschland gebracht, um Zeit zu sparen“, sagt er lachend.
Aber Olthoff ist dem nationalen Charakter von Twente besonders verbunden, was sich auch in seinem Unternehmertum zeigt. „Es ist vielleicht offensichtlich, aber ich finde es hier sehr gemütlich. Hier ist es nicht so hektisch. Mir gefällt es hier eigentlich gut.”
